Giron Arnis

Der Ursprung des Giron Arnis

Arnis ist eine hauptsächlich bewaffnete Kampfkunst aus Südostasien (Philippinen), welche ursprünglich für die dortige Kriegerkaste konzipiert wurde. Bereits im 14. Jahrhundert auf den Philippinen gelehrt und ausgeübt wurde sie bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Kampf angewandt. Auch unter den Namen Eskrima oder Kali bekannt.
In der westlichen lange Zeit unbekannt, da die Ausübung der Kunst 1764 offiziell von der spanischen Kolonialmacht verboten wurde und die Krieger ihr Können im Geheimen übten.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg begannen die ersten Großmeister zaghaft damit, ihre Künste auch  außerhalb der Familie und ihres Clans zu unterrichten.
Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die philippinischen Kampfkünste durch Dan Inosanto in den USA bekannt. Viele der alten Großmeister machten sich einen Namen weil sie, aufgrund des perfekten Umgangs mit der Machete, für die US-Streitkräfte als Dschungelkämpfer eingesetzt wurden. Unter anderen auch Leo M. Giron.

Kurzer Abriss durch die Geschichte des Giron Arnis:

Grandmaster Leo M. Giron
Grandmaster Leo M. Giron

Leo M. Giron, geboren 1911 in Pangasinan, verstorben am 21.05.2002 in Stockton. Er lernte Arnis/Escrima von 5 verschiedenen Lehrern mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
1929 emigrierte Leo Giron nach Californien, um dort auf den Feldern zu arbeiten. Dort traf er Flaviano Vergara wieder, der ihn zuletzt auf den Philippinen unterrichtet hatte. Sie nahmen das gemeinsame Training wieder auf.

Der zweite Weltkrieg brach aus, und die USA und Japan traten in den Krieg ein. Vergara und Giron meldeten sich zur US Armee. 1943 trennten sich ihre Wege. Vergara starb in Neu Guinea.
Giron wurde in einer Reconissance (Recon) Einheit im Dschungelkampf ausgebildet.
Von Australien startend setzte ein U-Boot ihn und seine kleine Einheit auf den Philippinen ab.
Ihr Auftrag: Ein Jahr lang alle Informationen über die Japaner sammeln und über Funk weiterleiten. Giron gehörte einer Elite-Einheit an, die zusammen mit philippinischen Guerillas, verdeckte Operationen, im Norden von Lucon, gegen die Japaner führte.

Hier musste er oft mit dem Schwert um sein Leben kämpfen. Er wurde u.a. dafür, von General Douglas MacArthur mit dem Bronzestar ausgezeichnet (mehr darüber in seinem Buch „Memories ride the ebb of tide“).
Nach dem Krieg wollte Giron erstmal nichts mehr vom Kämpfen wissen. Er widmete sich mehr dem Angeln!

Erst als 1966 acht Krankenschwestern in Ausbildung, die meisten davon Philippinas, von einem Mann mit einem Messer getötet wurden, besann er sich seiner Kenntnisse. Keine der Krankenschwestern machte damals Anstalten, sich zu verteidigen. Großmeister Leo Giron wollte sein Wissen vermitteln, damit Menschen sich verteidigen können. 1968 eröffnete er einen Club in Tracy-Californien, der später nach Stockton wechselte. Diesen Club benannte er nach dem Motto seiner alten Recon-Einheit „Bahala Na Club No. 1“ (Bahala Na = Komme was wolle).
Im Laufe von 50 Jahren produzierte Leo Giron nur eine vergleichsweise geringe Anzahl an Graduates (ein Begriff der, im Giron Arnis, einen weit fortgeschrittenen Schüler bezeichnet – in anderen Kampfsportarten vergleichbar mit einem hohen Schwarzgurtlevel).
Noch zu seinen Lebzeiten übergab Leo Giron den Großmeister-Titel an Tony Somera und bestimmte damit seine Nachfolge.

Der Fächer des Stilbegründers

Eine einzigartige „Trainingshilfe“

The Master's Fan
The Master's Fan

Einer der Lehrer Girons, Flaviano Vergara, machte Leo Giron klar, es würde an ihm selbst liegen, die Lücken zwischen dem alten System, Cada-Anan und dem neuen System, Cabaroan zu füllen. Beide Stile hatte Giron zu diesem Zeitpunkt bereits gemeistert und er begann nun damit seine eigenen Erfahrungen einfließen zu lassen um diese „Lücken“ zu füllen.
Das war der Beginn des „Abanico del Mestro“…

Der „Abanico del Mestro“ oder Master’s Fan

Links das „alte“ Escrima, Cada-Anan (Estilo De fondo) ein Close-Range- Combat System, bei dem ein kürzeres Bolo verwendet wird (ca. 60 cm).

Rechts das „neue“ Escrima, Cabaroan (Estilo Larga mano) ein Long-Range Combat System. Im Larga Mano wird z.B. mit dem Talonasan oder dem Kampilan (beides typische philippinische Schwerttypen) gekämpft – ca. 90-100 cm lang.

Dazwischen liegen die 18 anderen Stile, die als Bindeglied, zwischen den beiden Extremen fungieren. Diese Stile ergänzen entweder das Cada-Anan, oder das Cabaroan. In der einzelnen Betrachtung enthalten sie die „secrets“ und Besonderheiten.

Beispielhaft hier nun vier Substile in der näheren Betrachtung:

Estilo Elastico – ein „kleiner“ Stil, dem Larga Mano zugehörig. Ein besonders geschmeidiges Bewegen bzw. Strecken und Dehnen, um die Reichweite zu erhöhen oder sich aus dem Gefahrenbereich zu bringen.

Estilo Macabebe – benannt nach einem Dorf auf den Philippinen, in dem vornehmlich mit 2 Stöcken gekämpft wurde. Einer von GM Leo Girons ersten Lehrern kam aus diesem Dorf. In diesem Stil werden überwiegend 2 Stöcke verwendet, sowohl für Hieb-, Stich- und Entwaffungstechniken.
Nach dem Doppelstock-Prinzip werden hier auch waffenlosen Techniken trainiert.

Estilo Sonkete – mit Sonkete sind Stichtechniken gemeint. Im Estilo Sonkete wird demzufolge Augenmerk auf die Stiche in allen Varianten gelegt. Dieser Stil ist mehr dem Estilo De fondo zugehörig.

In diesem Stil befindet sich auch eine Besonderheit des Giron Arnis/Escrima:

Das Esparagos Knife fighting

Philippinische Erntehelfer auf den Spargelfeldern
Philippinische Erntehelfer auf den Spargelfeldern

Der Spargelstecher wurde auf den kalifornischen Feldern zur Spargelernte verwendet.  Die überwiegend philippinischen Erntehelfer benutzten dieses Werkzeug dann auch zur Selbstverteidigung oder trugen damit ihre Duelle aus. Da der Spargelstecher nur vorne angeschliffen ist, wurden viele Stiche eingesetzt. Die Schläge folgten dem „Stockgedanken“, gingen also auf „harte“ Ziele, wie Knochen und Gelenke. Schnittbewegungen machten mit dieser „Waffe“ keinen Sinn.

Estilo Miscla Contras – Großmeister Leo Giron nannte seine Art „Arnis/Escrima“, weil er zwei Ideen folgte. Arnis bezeichnete für ihn die Form des klassischen Zweikampfes, dem Duell-Gedanken Rechnung tragend. Escrima war für ihn der Formationskampf, einer kleinen Einheit gegen mehrere Gegner, vornehmlich unter Einbeziehung des Terrains. Im gesamten Giron Arnis Escrima wird daher das Terrain stark mit einbezogen.
Im Miscla Contras kann man von allen Stilen am leichtesten die verarbeiteten Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg erkennen:
Wie bewege und kämpfe ich im Gelände gegen mehrere.
Wie nutze ich Hecken, Bäume, Äste, Böschungen usw…. zu meinem Vorteil.

Alle 18 weiteren Substile sind im De Fondo und/oder Larga Mano schon als Einzeltechniken enthalten. Durch die Herausstellung der einzelnen Stile und deren tiefere Betrachtung, erreicht man ein besonderes Verständnis für diese.

Der „Abanico del Maestro“ ist somit auch eine besondere Trainingshilfe.
… und er hat auch noch eine Rückseite!

Die Stile auf dem Fächer

Das Giron Arnis Escrima unterteilt sich in 20 einzelne Stile. Im klassischen Unterricht werden nicht alle Stile gleichermaßen gezeigt und trainiert, sondern je nach Ausbildungsstand Schwerpunkte gesetzt.
Begonnen wird mit dem Estilo de Fondo und dem Larga Mano.  Danach folgen die fünf bis sieben Stile die zur Graduation benötigt werden.
Die Graduation ist die höchste Prüfung im Giron Arnis Escrima und ist vergleichbar mit einer Prüfung zu einem höheren Schwarzgurt-Level in den japanischen Kampfkünsten.
Nach dieser Prüfung werden die restlichen Stile gezeigt und trainiert.

Estilo de Fondo
Das de Fondo ist mit Abstand der umfangreichste Stil. Überwiegend behandelt er die Verteidigung in der nahen Distanz und die komplette Fußarbeit des Giron Arnis Escrima. Außerdem gibt dieser Stil alle sonstigen Stile mit mindestens einer beispielhaften Technik wieder. Er bildet somit die Grundlage und gleichzeitig einen Querschnitt des gesamten Giron Arnis Escrima.

Estilo de Abanico
Dieser Stil zeichnet sich durch einen besonderen Einsatz des Handgelenks bei Blöcken und Schlägen aus und wird im Giron Arnis Escrima nur in besonderen Situationen eingesetzt.

Estilo Abierta
In diesem Stil wird das Kämpfen aus einer offenen Position heraus unterrichtet und der Abstand zum Gegner zum eigenen Vorteil ausgenutzt.

Estilo de Salon
Hier wird gezeigt wie man mit schneller und aggressiver Fußarbeit den Gegner unter Druck setzten kann. Gleichzeitig ein sehr eleganter Stil mit tänzerischen Elementen.

Estilo Sonkete
Das Sonkete weist sicherlich die größten Parallelen mit dem klassischen Fechten auf. Durch die lange Besatzung der Spanier sind in die philippinischen Kampfkünste einiges an Ideen und Techniken des Fechtens eingeflossen. So findet man hier Paraden, Riposten und Umgehungen wieder, die sonst nur noch im Fechten zu finden sind. Im Giron Arnis Escrima werden hier die Stiche vertiefend betrachtet.

Estilo Retirada
Gelehrt wird das Kämpfen mit der Rückwärtsbewegung. Das Bewegen und Stellen des Gegners in einem bekannten Terrain ist dabei von zentraler Bedeutung.

Estilo Elastico
Im Estilo Elastico wird vertiefend auf den Zusammenhang zwischen Körperhaltung und Reichweite eingegangen. Daraus resultierend entsteht eine besondere Art der Bewegung, die typisch für das Giron Arnis Escrima ist.

Fondo Fuerte
Lehrt das Kämpfen aus einer gesicherten Position die man nicht mehr verlassen kann oder will.

Contra Compas
In diesem Stil wird die Bedeutung des Rhythmus eines Kampfes verdeutlicht und gezeigt wie man es für sich nutzen kann.

Estilo Redonda
Hier werden kraftvolle, kreisförmige Schläge eingesetzt. Besondere Verwendung finden Sie bei der Verteidigung gegen mehrere Gegner und bei dem Verschaffen von Zeit im Kampf.

Combate Adentro
Im Combate Adentro wird gegen einen Gegner gearbeitet, der mit Schwert und Dolch bewaffnet ist. Ausgezeichnet durch solide und sparsame Fußarbeit ist Combate Adentro einer der Stile in dem der sportliche (im Sinne eines anstrengenden Cardio-Trainings) Charakter deutlich hervortritt!

Tero Grave
Hier wird dem fortgeschrittenen Schüler gezeigt wo und wie er welchen Schaden beim Gegner bewirken kann. Mit diesem Stil werden viele Kontertechniken des gesamten Giron Arnis Escrima ergänzt

Estilo Macabebe
Benannt nach einer Gegend auf den Philippinen wird in diesem Stil der Gebrauch mit zwei Stöcken unterrichtet.

Tero Pisada
Ein Stil, der den Nutzen und den Gebrauch von wuchtigen, meist zweihändig geführten Schlägen aufzeigt.

Media-Media
In diesem Stil werden die Besonderheiten des Kämpfens in der mittleren Distanz erläutert und geübt.

Cadena de Mano
Im Cadena de Mano wird gezeigt wie man sich waffenlos gegen einen Angriff zur Wehr setzten kann.

Escapo
Ein grundlegender Stil des Giron Arnis Escrima in dem das Ausweichen und das Parieren mit der freien Hand trainiert werden. Diese Art der Bewegung findet sich im gesamten System wieder.

Estilo Bolante
Hier werden vertikale Schlag- und Blockbewegungen gezeigt. Zusammen mit der zielgerichteten und sparsamen Fußarbeit ist dieser Stil in bestimmten Begebenheiten die einzige Lösung.

Misclas Contras
Behandelt das genaue Vorgehen bei einem Kampf gegen mehrere Gegner. Das beinhaltet auch das Kämpfen in einer Einheit mit anderen Kämpfern gegen eine Gruppe von Gegnern.
Obwohl dieser Stil keine wiederkehrenden Technikabfolgen kennt, ist er sehr umfangreich. Das Lernen des kompletten Misclas Contras erfolgt deshalb in Stufen, sowohl vor als auch nach der Graduation. Er ist auch einer der Stile in dem die Härte der Blöcke und der Schläge im Giron Arnis Escrima deutlich sichtbar wird.

Larga Mano
Berühmt und geachtet in der Welt der philippinischen Kampfkünste ist das Larga Mano sicherlich der bekannteste Stil innerhalb des Giron Arnis Escrima. Es behandelt das Kämpfen aus der weiten Distanz und kann zu einem sehr schnellen Ende einer Konfrontation führen.